Homo Neubau
Identität ist vielschichtig

Ausstellung: Bis 23. Februar 2023
Öffnungszeiten: Mi von 17 bis 19 Uhr und Sa von 10 bis 13 Uhr
Führungen: Jeden Samstag, 11 Uhr

Bezirksmuseum Wien-Neubau
Stiftgasse 8
A-1070 Wien

Der Fall „Pressl und seine Freunde”, © WStLA

Zum Geleit

Es ist ein wahrlich historischer Moment, dass sich das Bezirksmuseum Neubau der Verfolgungsgeschichte von Wiens Homosexuellen während der Zeit des Nationalsozialismus widmet. Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Engagement vollkommen undenkbar gewesen. Homosexuelle Handlungen waren ja bis ins Jahr 1971 grundsätzlich strafbar; und selbst nach der Aufhebung des Totalverbots gab es eine Reihe strafrechtlicher Paragraphen, die u.a. die Gründung einschlägiger Vereine mit Verfolgung bedrohte. Dazu kam die völlige gesellschaftliche Ächtung von Lesben und Schwulen, die jede systematische Forschung, z. B. im universitären Raum, vollkommen unmöglich machte.

All das begann sich erst in den 1990er Jahren zu ändern. Im Kontext großer geopolitischer Transformationen (dem Ende des Eisernen Vorhangs, der Schaffung der Europäischen Union) kam es zu einer Pluralisierung des öffentlichen Raumes. Es war das Jahrzehnt der Gründung des Life Balls und der Regenbogen Parade, den Großevents, die die vormals fast gänzlich verborgene lesbisch/schwule Community zum ersten Mal in Wiens urbaner Öffentlichkeit verankerte. Der gleichen Entwicklung war es geschuldet, dass nun auch erstmals die lesbisch/schwule Geschichte Wiens systematische Beachtung fand. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien war die Folge. Aber es ist ein weiter Weg von wissenschaftlicher Forschung zu breitem Verständnis. Die Popularisierung neuer Erkenntnisse passiert nicht automatisch. Wie die Forschung selbst, ist auch sie hochpolitisch. Und neues Wissen, noch dazu über vormals geächtete soziale Gruppen, verbreitet sich nur schwer.

Es ist das erste Mal, dass sich ein Wiener Bezirksmuseum der lesbisch/schwulen Geschichte in so fundamentaler Weise widmet. Nichts signalisiert den hart erkämpften Status dieser neuen Wissensproduktion – von Wiens Queers selbst gar nicht zu reden – stärker als diese Auszeichnung, stehen die Bezirksmuseen doch wie keine andere Institution für die städtische Bevölkerung und ihr sozial verankertes Geschichtsverständnis. Dass dieses die lesbisch/schwule Geschichte nunmehr in zentraler Weise erfasst und reflektiert ist ein wahres Ereignis.

Matti Bunzl
Direktor Wien Museum

Erich Haller-Munk, © WStLA 

Ausstellung

Die Ausstellung „Homo Neubau – Identität ist vielschichtig“ wirft einige Schlaglichter auf bekannte und unbekannte oder auch vergessene Neubauer:innen jener Zeit.

Ein ganzer Raum, der sogenannte „blaue Salon“ widmet sich der Verfolgung homosexueller Personen durch das NS-Regime. Für wissenschaftliche Recherche und kurze Texte zu einigen Fällen aus Neubau sorgte bereits 2020/21 Andreas Brunner von QWIEN. Covid-bedingt war dieser Teil der Ausstellung nur kurz, im Juni 2021, zu sehen. Nun wird er, grafisch aufbereitet von Mario Blum, und teilweise ergänzt um neuere Forschungsergebnisse, erneut gezeigt.

Eröffnung, Buchpräsentation: 2. Juni, 19 Uhr
Ausstellung: 4. Juni bis 25. Februar 2023
Öffnungszeiten: Mi 17 bis 19 Uhr und Sa 10 bis 13 Uhr
Führungen: Samstags 11 Uhr
Adresse: Stiftgasse 8, 1070 Wien

Das Museum ist in Schulferienzeiten geschlossen

Ausschnitt eines abgefangenen Briefes von Liesbeth Langer an Ellionor Sentobe, © WStLA

Publikation

Um den Ausstellungsraum des kleinsten Wiener Bezirksmuseums nicht vollkommen zu überfrachten wird die Beschriftung der gezeigten Bilder und Artefakte ab sofort und gemeinsam mit dem Spittelberg Verlag in ein Lesebuch verlegt. Das Buch Homo Neubau, Band 1 der Edition Neubau, ist damit gleichermaßen eine Ergänzung als auch die Erweiterung des Ausstellungsraumes. Eine Art Taschenmuseum to Go, mit dem man sich auf den Weg durch den Bezirk und seine Geschichte machen kann. Als Herausgeberin fungiert beim ersten Band Museumsleiterin Monika Grußmann. 

Entlang der Wohnadressen der beschriebenen Personen wird ein weiter Bogen an Geschichten gespannt. Es finden sich wissenschaftliche und ganz persönliche Texte über wohlbekannte, aber auch vergessene oder „ganz einfache“ Menschen. Ein besonderer Schwerpunkt des Buches – wie bei der Ausstellung, liegt auf dem Thema Homosexuellenverfolgung. Dank der Unterstützung des Nationalfonds der Republik und des Zukunftsfonds konnten einige Schicksalswege homosexuell verfolgter Frauen und Männer aus Neubau ausführlich beforscht und nachgezeichnet werden. Hier engagierten sich die Wissenschaftler:innen Julia Lingl, Evelyn Steinthaler und Alexander Urosevic sowie die Neubauer Autorin Renate Welsh.

Das Gasthaus des Saul Neuman, Foto August Stauda © Wien Museum

Museum

Das Bezirksmuseum Neubau ist ein gemütliches und modernes Wohnzimmermuseum – ein Ort des Entdeckens, Staunens und Plauderns. Hier kommen Leute zusammen, die selbst einen Beitrag zum Bezirksgedächtnis leisten möchten und bei der Entstehung von Programm, Ausstellungen und Publikationen zusammenwirken. Und natürlich auch Besucher:innen, die unsere Angebote genießen und schätzen. Seien es Spaziergänge, Führungen, Tanzabende oder Konzerte.

Gegründet 1966, wurde das Bezirksmuseum am 1. April 1978 im größten verfügbaren Raum des besetzten Amerlinghauses untergebracht, vermutlich um die „jungen Wilden“ des Kulturzentrums ein wenig unter stadtpolitische Kontrolle zu bringen. Die gegenseitige Aversion wurde in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise abgebaut und zu einer wohlwollenden Nachbarschaft gewandelt.

Das Bezirksmuseum zeigt Jahresausstellungen zur Bezirksgeschichte und bietet Platz für Sonderausstellungen um aktuelle Themen oder auch persönliche Steckenpferde von engagierten Neubauer:innen in den Blick zu nehmen.

Zu den Schließzeiten im Sommer bietet das Museum eine Dependance an: das Sommermuseum zu ebener Erde auf der Stiftgasse lädt zum niederschwelligen, konsumfreien Kulturgenuss. Im Winter ist das PEEP-Museum seit 2019 ein Ort der künstlerischen Interventionen. Es ist Teil des Spittelberger Weihnachtsmarktes. Ein Herzensanliegen ist der Museumsleiterin die Barrierefreiheit. Zugang für Alle zu schaffen ist eine große Aufgabe, der wir uns aus Überzeugung verschrieben haben. Jung oder Alt, sinneseingeschränkt oder körperlich beeinträchtigt, einsprachig oder mehrsprachig: im Bezirksmuseum sollen sich (nicht immer gleichzeitig) alle Menschen willkommen und adressiert fühlen.